Editorial

Kurznachrichten

Hör-Bar

Podcast

Kommunikation

Lebensart

Termine

Buch aktuell

Kolumne

Cool!

Irre geleitet

Er war einer der ganz großen Philosophen, einer, der die moderne Zivilisation erst ermöglichte, ein Vorreiter der Aufklärung. So zumindest wird es heute noch im Geschichtsunterricht gelehrt - wenn es denn gelehrt wird. Jean-Jacques Rousseau galt als Wegbereiter der französischen Revolution. Zumindest bis gestern. Denn heute hat Karl-Heinz Ott seinen etwa 200 Seiten starken Roman Winzenried vorgestellt. Darin demontiert er, wie er selbst sagt, trotz aller Fiktion, anhand historischer Quellen einen Mythos. Plötzlich gerät das Privatleben, geraten die Befindlichkeiten des Philosophen in den Vordergrund. Aus dem Vordenker wird ein gestörter Hypochonder, ein von Verfolgungswahn Getriebener.

Immer fassungsloser verfolgt der Leser, wie Jean-Jacques sich immer tiefer in den Wirren seines eigenen Lebens verliert. Dabei spricht der Autor die Umwelt des Philosophen von (nahezu) jeder Verantwortung frei, streicht heraus, wie viel Hilfe Rousseau von denen erhielt, die er, laut Otts Geschichte, schmähte.

Der Autor bricht hier ein Weltbild auf, das Generationen als Leitbild diente. Es braucht eine Weile, bis man sich wieder aus dieser Welt befreit und begreift, dass es nicht darauf ankommt, wie der Philosoph gelebt (und gelitten) hat, sondern das zählt, was er bewirkt hat. Denn nicht, wie Rousseau gelebt hat, ist von Bedeutung, nicht einmal der tatsächliche Inhalt seiner Schriften, sondern einzig und allein, was seine Philosophie der Aufklärung bewirkt hat. Und da würde man sich bis heute wünschen, dass nicht bildungsferne Menschen das Geschick der Welt bestimmen.

Wer sich trotzdem traut, dem sei dieses Psychogramm eines ganz Großen wärmstens anempfohlen.

Kaufinformation

Karl-Heinz Ott:
Winzenried
Hoffmann und Campe
Hardcover, 118 S.
19 Euro
ISBN
978-3-455-40311-4