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Anatomie der Krise

Wien ist immer eine Reise wert. Jenseits von Stephansdom und Schnitzel lohnt es sich aber, die Reise nach Wien in den Frühling zu verlegen. Dann finden die Wiener Festwochen statt, eine Melange der verschiedensten Kunstgattungen. Politisch brisant, künstlerisch wertvoll.

Wir wissen, dass das angebliche kulturelle Problem der Integration in Wirklichkeit eines der sozialen Gerechtigkeit ist. Wir sehen das System der Wirtschaft zusammenbrechen – und wollen es noch nicht wahrhaben. Alle Fragen nach Humanität, Demokratie, sozialer Egalität dürfen neu gestellt werden, und es ist eine Chance, dass sie neu gestellt werden dürfen“, schreibt Stefanie Carp im Vorwort des Programmheftes der Wiener Festwochen dieses Jahres. Sie ist die Schauspieldirektorin des Festivals und stellt ein Programm vor, das in erster Linie Fragen nach einer möglichen Zukunft stellt. „Integration“, sagt sie, „ist das aktuelle Zauberwort der politischen Mitte. Es bemäntelt die Tatsache, dass zwei Drittel der Welt von der Teilhabe an eben dieser Mitte ferngehalten werden, und gaukelt uns vor, dass diese Ausgrenzung dauerhaft folgenlos bleiben kann.“ Carp versammelt Künstler aus aller Welt, um aufzudecken, zu entlarven, zu verstören. Dieudonné Niangouna aus Kongo-Brazzaville beispielsweise legt mit dem Stück Le Socle des Vertiges den Finger in die Wunde bestehender Verhältnisse, Alexander Nikolic frischt die serbokroatische Gastarbeiteroper auf, die in den 1970-ern nach ihrer Aufführung in Novi Sad einen Theaterskandal auslöste und in jugoslawischen Zeitungen wochenlange Polemiken provozierte, obwohl das Stück eigentlich auf Deutsch und für Deutschland geschrieben war. Düster abgerundet wird das Thema mit einer vielversprechenden Neuinszenierung von Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung: Christoph Marthaler führt Regie, das Bühnenbild entwickelt Anna Viebrock.

Die Wiener Festwochen warten mit insgesamt 36 Produktionen innerhalb von fünf Wochen auf, darunter zehn Uraufführungen, zwei Neuinszenierungen, zehn Auftragswerke und zwei Europa-Premieren. Die Künstler kommen aus 24 Ländern. „Neben großer Oper und Schauspiel zeigt das Festival ganz neue Formen der Intensität und der öffentlichen Intervention. Es bewegt sich zwischen Künstlertheater und sozialer Skulptur“, kündigt Intendant Luc Bondy an, der die Festwochen seit vielen Jahren leitet. Er selbst inszeniert die Uraufführung von Peter Handkes neuem Werk Die schönen Tage von Aranjuez, ein Zweipersonenstück, das nach dem Zitat aus Schillers Don Karlos benannt ist. Uraufgeführt wird zum Festival das Tanztheaterstück Open For Everything über Roma, das die in Berlin ansässige argentinische Künstlerin Constanza Macras inszeniert. Höhepunkte des Festivals werden wohl die beiden Opern La Traviata und Quartett, in denen Musikdirektor Stéphane Lissner „die Verbindung zwischen den Epochen“ sieht, „um unsere moderne Zeit neu zu beleuchten“. La Traviata wird im Rahmen der Verdi-Trilogie der Wiener Festwochen von Deborah Warner neu inszeniert. Omer Meir Wellber dirigiert.

Quartett ist die zeitgenössische Oper, die in Wien in der Inszenierung eines Regisseurs von der Theatergruppe Fura dels Baus gezeigt wird. Die sind für spektakuläre Arbeiten bekannt.

Als zeitgenössisches Gegenstück wird das neue Werk Quartett des italienischen Komponisten Luca Francesconi in der Mailänder Uraufführungsinszenierung von Àlex Ollé von La Fura dels Baus gezeigt.

Asien präsentiert sich meditativ

Auch die Freunde asiatischer Tanzkunst kommen bei dem Festival auf ihre Kosten. Wen Hui und Wu Wenguang vom Living Dance Studio aus Peking zeigen eine ein- und eine achtstündige Version von Memory, einer meditativen Rekonstruktion der Kindheit der Tänzerin und Choreografin Wen Hui während Mao Zedongs „Kulturrevolution“. Als Europa-Premiere ist ihre fünfstündige Gemeinschaftsarbeit Memory 2: Hunger über die große Hungersnot in China Mitte des vergangenen Jahrhunderts zu sehen.

Bondy legt Wert darauf, das Festival in der Stadt zu implementieren. Dafür soll insbesondere die Reihe Into the City sorgen. Da ist ein Übertragungswagen unterwegs, es gibt erstmals eine Festivalzentrale und die Bewohner der Quellenstraße im zehnten Bezirk erarbeiten gemeinsam ein Webprojekt, Kinokollektive drehen mit Wiener Bürgern Kurzfilme. Schließlich bringen Filmemacher, Performance- und Klangkünstler für eine Nacht das Wien Museum zum Leuchten. Konzerte, Workshops und Zusatzveranstaltungen runden ein Programm ab, das kaum einen Wunsch offen lassen dürfte.

Ein komplexes Programm wartet auf den Besucher. Vielseitig, diskussionsfreudig und international präsentiert sich das Festival mit zahlreichen Höhepunkten. Beste Voraussetzungen, während des eigenen Wien-Besuchs das Richtige für sich selbst herauszusuchen.

Das hochinformative Programmheft der Wiener Festwochen ist über 120 Seiten stark und mit Werken von Ulrich Seidl veredelt. Aber auch die Website bietet alle notwendigen Informationen und vor allem die Möglichkeit, Karten schon im Vorfeld zu bestellen. So ist ein erholsamer, wenn vielleicht auch nachdenklich stimmender Aufenthalt im Wiener Frühling gewährleistet.

Michael S. Zerban, 7.1.2012