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Die Geschichten der Trüffelsammler

Trüffel sind etwas für Feinschmecker. Aber Trüffel sind auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für ihre Sammler. Eine Fotoausstellung im Piemont sorgt dafür, dass sie alle wieder hochkochen: die vielen Geschichten rund um Trüffel.

Der Herbst naht. Selbst im Monferrato, einer Hügellandschaft im Piemont, sind die ersten Anzeichen nicht mehr zu übersehen: Felder und Weinberge sind zu großen Teilen abgeerntet, die Blätter der Bäume verfärben sich noch rasch, ehe sie zu Boden fallen. Die Wärme der Sonne erfreut zwar noch die Gemüter, ist aber längst nicht mehr so intensiv und langanhaltend wie noch vor einigen Wochen. Damit beginnt auch jene Jahreszeit, die für Feinschmecker aus aller Welt so bedeutsam ist. Es ist die Zeit des Trüffelsammelns. Es gibt nicht allzu viele Menschen, die einmal dabei waren, wenn die Männer im Piemont losziehen, um die schwarzen Diamanten des Monferrato aus der Erde zu holen. Die zumeist älteren Herren legen auch nicht allzu viel Wert auf Begleitung. Das allerdings liegt viel seltener daran, dass die Fundstellen geheim gehalten werden sollen. Vielmehr ist das Sammeln von Trüffeln eine einsame Beschäftigung, damit die Hunde nicht von der Suche abgelenkt werden. Mit permanenten, kurzen, beschwörungsartig wiederholten Kommandos werden die liebenswürdigen Vierbeiner bei der Arbeit gehalten, die sie von klein auf lernen. Auffallend ist, dass es sich bei den Hunden durchweg um Mischlinge handelt, denen erfahrene Hundehalter ja ohnehin eine größere Intelligenz nachsagen. Neuere Versuche mit der Rasse der Golden Retriever müssen erst noch zeigen, ob diese Hunde tatsächlich den gleichen Spürsinn wie die oft verwegen aussehenden Mischlinge beweisen. Dass ihre Arbeitszeiten, die oft in der Nacht oder in den frühen Morgenstunden liegen, zwar von Mythen behaftet ist, ändert nichts an der profanen Tatsache, dass die tartufai einfach tagsüber geregelter Arbeit nachgehen und die Trüffelsuche in ihre Freizeit verlegen müssen. Dann allerdings geht es verblüffend organisiert zu.

Da gibt es keine Romantik vom deutschen Wald, Nebel ist Nebel und sonst nichts, die Dunkelheit erschwert eher die Arbeit als sie vor den Augen der Öffentlichkeit zu schützen. Jemand, der tartufaio werden will, erwirbt oder mietet ein Grundstück, auf dem Bäume wie auf einer Plantage angepflanzt werden. Kleine Kanäle verbinden die Bäume miteinander, um die Bewässerung zu sichern. Schilder verkünden die Grenzen dieser Bereiche – wohlwissend, dass Schilder stumm sind. Eine überraschend einfach zu erwerbende Lizenz berechtigt den Trüffelsammler zu seiner Tätigkeit. Der tatsächliche Erfolg der Sammelleidenschaft hängt vom Zusammenspiel zwischen tartufaio und seinen Hunden und der genauen Beobachtung des Hundeverhaltens ab. Albino ist einer von den ganz erfahrenen tartufai. Er geht nie allein los. Stets hat er zwei eigene Hunde und einen Begleiter dabei, der ebenfalls zwei Hunde ins Rennen schickt. Der Begleiter ist allerdings weniger nötig, um vor konkurrierenden Sammlern zu schützen als vielmehr vor den Gefahren des Waldes. Hat einer seiner Hunde vermeintlich etwas gefunden, muss es schnell gehen. Es gilt, den Hund vom Trüffel abzudrängen, den Pilz rasch auszugraben und den Hund zu loben und zu belohnen. Für den Hund gibt es von trocken Brot über Hundekuchen bis zu kleinen Trüffelbrocken. Für Albino gibt es neben der Genugtuung einen wirtschaftlichen Erfolg, der nichts mit den erzielten Enderlösen zu tun hat. Zwar klingen die Geschichten, die die Trüffelsammler erzählen, immer nach großen Erfolgen, aber das hat oft auch mit dem zu tun, was in anderen Sportarten „Anglerlatein“ genannt wird. Da sammelt Albino mit seinem Kameraden – oder seinen Kameraden – lauter kleine Funde ein, um anschließend noch einmal kurz allein über das Waldgrundstück zu gehen und endlich einen 700-Gramm-schweren Pilz zu finden. Ein Kilogramm erzielt vor Ort schon einmal 3.000 bis 6.000 Euro.

Geheimnisumwittert mit romantischem Touch: Trüffelsammler im Monferrato suchen mit ihren Hunden nach den begehrten Pilzen.

In der Spitze erzielen die Sammler pro Saison schon einmal 13.000 Euro. Was viel klingt, ist bezogen auf die Stundenzahl dann eher wieder relativ und hat gar nichts mit den Summen zu tun, die vom Verbraucher zu zahlen sind. Eine der bekanntesten Messen, auf denen die mühsam gefundenen Trüffel zum Verkauf angeboten werden, findet alljährlich in Alba statt. Alba hat lange an diesem Ruf gearbeitet und ist in die Nachfragefalle getappt. Um den Bedarf zu decken, geht es hier nicht mehr nur darum, höchste Qualität zu liefern, sondern, so ist immer häufiger und immer lauter zu hören, gern werden da auch minderwertiger Trüffel aus anderen Ländern oder gar andere Pilzsorten verwendet, um die Trüffelmenge zu „strecken“. Anders im Monferrato. Hier wird auf die Qualität geachtet, um die Käufer nicht zu verschrecken. Unabhängige Komitees kontrollieren permanent das Angebot, und ein ausgeklügeltes Prämierungssystem verhindert Täuschungsversuche. Zudem gibt es die Anonymität großer Börsen auf den kleinen Messen im Monferrato nicht. Hier stehen die Trüffelsammler selbst hinter den Ständen. Man kennt sich. So wie Albino auf den Märkten bekannt ist wie ein bunter Hund. Ein Betrugsversuch würde ihn die Existenz kosten.

Valeska Chabouis hat sie alle kennengelernt, die tartufai im Monferrato. Sie hat diese Menschen lieben gelernt. Ihrer Heimat verhaftet, von der Natur geprägt und vom Wetter gegerbt, mit einer innigen Beziehung zu ihren Hunden, in der oftmals mehr Liebe zu spüren ist als in der zu anderen Menschen. Die Weltenbummlerin und Fotografin, die vor und hinter der Kamera mit den bekanntesten Fotografen der Welt gearbeitet hat, hat die tartufai und ihre Hunde vor die Linse geholt. Entstanden ist so eine Ausstellung mit rund 40 Bildern, die das Leben der Trüffelsammler, ihre Gesichter, aber auch ihre Attitüden und – man höre und staune – ihre Moden mal farbig, mal in ausdrucksvollem schwarzweiß einfängt. Natürlich immer dabei: die Hunde. Um die ideale geschmackliche Verbindung zwischen Wein und Trüffel zu unterstreichen, hat Sabine Ehrmann, Inhaberin des Weingutes Tenuta Tenaglia im Monferrato, dafür gesorgt, dass die Ausstellung verwirklicht werden konnte. Die Bilder werden eigens für die Vernissage auf dem Weingut gehängt und ziehen das Publikum förmlich an. Während die Gäste das Ergebnis begutachten, unter ihnen viele der tartufai selbst, kochen wieder einmal all die Geschichten hoch, die die Trüffelsammler so gern erzählen, um jenen Mythos hochzuhalten, der immer auch ein wenig beim Genuss von Trüffel mitschwingt.

Es ist die erste Wanderausstellung, die das Weingut ins Leben gerufen hat. „Es ist an der Zeit, dass Kunst nicht nur auf dem Weingut stattfindet“, sagt Ehrmann, „sondern auch vom Weingut ausgeht“. Die Tenuta Tenaglia hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend als europäisches Zentrum für Kunst etabliert und dabei vor allem dafür gesorgt, dass ein Dialog über Kunst ohne Grenzen in Europa stattfindet. Während der kommenden Monate wird die Ausstellung Storie di Tartufai auf verschiedenen Messen in Italien zu sehen sein, ehe sie im kommenden Jahr auch in Deutschland in ausgesuchten gastronomischen Betrieben präsentiert werden wird.

Michael S. Zerban, 3.10.2011