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Klappe halten Wenn mediale Sensationsgier auf die Eitelkeit von Angehörigen trifft, kommt selten etwas Gutes dabei heraus. Im Zweifelsfall kann es Menschenleben kosten. Wenn der Pressekodex zur Farce wird. Ein Lied geht um die Welt. Es heißt Gloomy Sunday, und es wird ihm nachgesagt, dass es eine Welle des Todes ausgelöst hat. Bis heute mag keiner so recht daran glauben, dass Hunderte von Menschen sich das Leben wegen eines Liedes nahmen. Gängige Meinung ist, dass das Lied, das alle Traurigkeit der Welt in sich vereint, nur als Begleiter oder allenfalls als Verstärker funktioniert. Auch, so wissen die Statistiker beruhigend zu berichten, ist das Lied, das Rezső Seress 1933 anlässlich der Trennung von seiner Verlobten komponierte, nicht einmal das Lied, das am häufigsten mit Selbsttötungen in Verbindung gebracht werden kann. Makabrer Spitzenreiter ist hier Clair de lune. Bei allem Zweifel, ob der Mann, der sich in einer Bar von der Kapelle Gloomy Sunday vorspielen ließ, um sich anschließend vor der Bar zu erschießen, Wahrheit oder Legende ist – das Phänomen, das Menschen sich durch Medien verleiten lassen, ihr Leben zu beenden, ist viel älter. 1774 erschien der Roman Die Leiden des jungen Werther. Anschließend brachten sich plötzlich junge Männer um. Wie der junge Werther trugen sie eine gelbe Weste und eine blaue Jacke. Ob sich heute junge Männer in eine Fußballkluft kleiden, ehe sie zu den Bahnschienen schreiten, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Dass es im Anschluss an den Selbstmord eines Robert Enke zu vier Mal so vielen Selbsttötungen kam, ist bekannt. Wer war Robert Enke? Ein relativ glückloser Torwart, verheiratet, hatte ein Kind verloren, war seither depressiv. Diesem Menschen soll hier sicher nicht Unrecht getan werden. Er hatte seine Verdienste, im beruflichen wie im privaten Bereich, genau so, wie er seine persönlichen Niederlagen erlebt haben mag. Eben ein Mensch. Mit einer eigenen Geschichte, die irgendwo auf den Bahngleisen endete. |
Verantwortungsloser Medienhype Statt einer Kurznachricht und einem kurzen Rückblick auf sein Leben wurde der Witwe eine Pressekonferenz eingeräumt. Der Frau ist dabei kein Vorwurf zu machen. Journalisten hätten sie vor sich selbst schützen müssen. Das schreibt der journalistische Ehrenkodex vor. Er schreibt weiterhin vor, dass Sensationsgier keinen Platz in der Berichterstattung hat. Stattdessen setzt ein Medienhype ein, den allenfalls Fußballfans oder persönliche Freunde Enkes verstanden haben mögen. Es endete in einer Trauerfeier, die im Ausmaß manches Staatsbegräbnis übertraf. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) übertrug die Feier live und in voller Länge. Als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das hatte Konsequenzen. Vier Mal mehr Menschen als sonst beendeten ihr Leben „aus freien Stücken“. Es mag sein, dass Journalisten sich der Wirkung ihrer Aussagen oder Handlungen nicht immer bewusst sind. Schließlich sprechen sie nicht zu Millionen Menschen, sondern in eine Fernsehkamera. Es mag sein, dass sie ihren eigenen Ehrenkodex nicht so ganz ernst nehmen, weil er zu theoretisch-abstrakt daherkommt. Vielleicht ist es sogar so, dass die ständige Suche nach „neuen Geschäftsmodellen“ oder der Quotensteigerung den Blick auf die eigene Ethik verstellt. Dass aber die Kolleginnen und Kollegen nichts wissen wollen von der Wirkung der Medienberichterstattung auf labile Menschen, ist spätestens seit dem Tod von Marilyn Monroe Legende. 198 Menschen nahmen sich in Folge der Berichterstattung das Leben. Christoph Cadenbach berichtet im Süddeutsche Zeitung Magazin davon, dass nach der Ausstrahlung der ZDF-Serie Tod eines Schülers der Anteil der Selbsttötungen unter den 15- bis 19-Jährigen um 175 Prozent anstieg. Darin wird die fiktive Geschichte eines Jungen erzählt, der sich das Leben nimmt. Es kann also keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Jeder, der vom Gang Enkes zu den Schienen in aller Ausführlichkeit berichtet hat, musste wissen, dass er damit anderen Menschen das Leben nehmen kann. Michael S. Zerban, 26. Februar 2010 |