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Kuriose Sichtweise Philipp Ramer und Claudio Steiger berichten in der Neuen Zürcher Zeitung von neuen Geschäftsmodellen und der Abwanderung der Kulturjournalisten ins Internet. Mindestens die Art der Berichterstattung erscheint fragwürdig. Prinzipiell ist die Fragestellung richtig und interessant: Was passiert eigentlich, wenn die kulturelle Berichterstattung in den herkömmlichen Medien mehr und mehr vernachlässigt wird, weil den Lesern seitens der Verlage kulturelles Desinteresse unterstellt wird? Eventuell wäre ja auch die Frage berechtigt, ob die Form der Berichterstattung nicht an den Bedürfnissen der Leser vorbeigeht. Tatsächlich versuchen Kulturjournalisten, im Internet neue Betätigungsfelder zu erschließen. Und schon gibt es in der Schweiz Anbieter mit einer äußerst fragwürdigen Plattform. Das Geschäftsmodell: Wenn das Theater 600 Franken zahlt, bekommt es eine Kritik. Überschrieben ist die Plattform mit „Die unabhängige Plattform für Theater-, Tanz- und Performancekritiken“. Abgegriffen werden soll also möglichst alles im Kulturbereich. Dass es sich dabei um einen klaren Betrug am Leser handelt, scheint den Schweizer Kollegen weniger klar. Sie gehen ernsthaft der Frage nach, ob eine solche Website wirtschaftlich tragfähig ist. Das ist neoliberale Sichtweise der übelsten Sorte. Wenn ein Kritiker vom zu Kritisierenden bezahlt wird, nennt man das Korruption. Und wenn sich namhafte Kritiker hergeben, für eine solche Plattform zu arbeiten, kann man das eigentlich und hoffentlich nicht anders interpretieren als die Notwendigkeit bei den Kollegen, Geld zu verdienen. Als „leuchtendes Beispiel“, das Problem der Finanzierung anders zu lösen, wird eine deutsche Plattform angeführt – allerdings mit wenig Überzeugungskraft. Denn diese Website finanziert die Honorare ihrer Autoren über Darlehen. Es ist also letztlich eine Frage der Zeit, wann sich das Angebot quasi von selbst erledigt. Interessanter werden aber zumindest bei diesem Beispiel schon die inhaltlichen Angebote. Da zeigt sich schnell, dass auch die Deutschen nichts dazu gelernt haben. Denn: Prinzipiell soll das Feuilleton im Internet abgebildet werden. Immer noch ist das Internet offenkundig nicht verstanden. Immer noch wird nicht hinterfragt, ob die feuilletonistische Sichtweise nicht an den Lesern vorbeigeht. Und dafür gibt es ja zahlreiche Indizien. Kaum verstanden haben offenbar auch die Kollegen Ramer und Steiger das Internet, wenn sie schreiben, |
dass sich das Feuilleton Zeit nehmen könne für „längere, profunde Kritiken, für eingehende Portraits und umfassende Hintergrundberichte“. Um es auch für Internet-Newcomer noch einmal klar zu formulieren: Keine Zeitung dieser Welt hat so viel Platz wie das Internet. Also können auch nirgendwo sonst mehr Hintergründe, Portraits, längere oder profundere Kritiken als im Internet stattfinden. Man muss es nur machen. Bislang bemüht sich aber offenbar kaum einer, diese Möglichkeiten mit Formen neuer Berichterstattung zu füllen. Anstatt zu hinterfragen, wie den Lesern oder besser: Besuchern einer Website – und nicht dem Ableger eines Blattes – Inhalte in mediengerechten, möglicherweise völlig neuen Formen dargeboten werden, versuchen die herkömmlichen Verlage, ihre bekannten Formate und Stile in das Internet zu übertragen. Von „Geschäftsmodellen“ getrieben, bleibt auch gar keine Zeit, über Weiterentwicklungen nachzudenken. Anstatt Gehirnschmalz in neue Darstellungsformen zu stecken, wird der Vertrieb gestärkt. Der Vertrieb allerdings kommt über Suchmaschinenoptimierung, Google-Anzeigen und Abonnentenwerbung auch nicht wesentlich hinaus. Bleiben also Kulturjournalisten auch im Internet brotlos? Es sieht so aus. Erst, wenn die Werbungtreibenden, also die Wirtschaft, begreifen, dass Wirtschaft ohne Kultur nicht funktioniert, bestehen Aussichten auf Besserung. Es hat noch niemand Tablet-PCs an Völker im Regenwald – ohne deren Kultur bestreiten zu wollen – verkauft, wenn er nicht vorher Stromleitungen verlegen wollte. So lange die Wirtschaft die Kultur im Internet nicht unterstützt, wird es keine vernünftigen Geschäftsmodelle geben. Aber: So lange die Wirtschaft begriffsstutzig bleibt und die Kultur im Internet nicht tatkräftig unterstützt, wird auch der wirtschaftliche Erfolg im Internet ausbleiben. Es braucht also keine Berichterstattung über unsolide Plattformen, sondern finanzkräftige Förderer aus der Wirtschaft, die kulturell interessante Sites unterstützen. Dann funktioniert es mit der unabhängigen Berichterstattung, mit der Weiterentwicklung neuer Darstellungsformenund übrigens auch mit der Prosperität von Unternehmen. Bleibt die Entscheidung, welche Sites kulturell wirklich interessant sind. Seiten, wie die von Ramer und Steiger beschriebenen sicher nicht. Weil Reichweite längst auch kein Kriterium mehr ist, bleibt die Zielgruppe. Und hier ist bislang noch viel zu wenig nachgedacht worden. Michael S. Zerban, 6.12.2011 |
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