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Das bessere Netzwerk

Die Bar – 121.000 gibt es davon in Italien – ist der Ort, wo die Menschen sich treffen, um sich ihre Meinung über all das zu bilden, was in der Welt passiert. Fußball, Politik, Arbeitgeber, Hollywood-Stars sind nur einige der meistdiskutierten Themen in italienischen Bars.

Das meistgeliebte soziale Netzwerk der Italiener ist nicht Facebook oder Twitter, sondern die Bar. Bei einem Aperitiv, einem Espresso oder panino, von Montag bis Sonntag, sind es alles in allem 15 Millionen Italiener, die eine Bar aufsuchen und sich dort ihr Bild über Italien machen. Die Bar ist der Ort, wo die Menschen sich ihre tatsächliche Meinung darüber bilden, was in der Welt passiert.

Was aber sind die meistdiskutierten Themen? An erster Stelle steht die Politik (48 Prozent), gefolgt von Fußball (42 Prozent) und der Arbeit (37 Prozent) sowie Klatschgeschichten (35 Prozent), Shoppingerlebnisse (33 Prozent) und Kino (25 Prozent). Anhand der Themen und Gepflogenheiten lassen sich Besucherinnen und Besucher in verschiedene Kategorien einteilen. Die Meinungsführer sind die „Aperitivologhi“ (45 Prozent). Das sind jene, die über verschiedenste Themen reden. Sie „entscheiden“, wer der nächste Präsident sein wird (47 Prozent), was das nächste must have in der Mode (33 Prozent) oder welches der wichtigste Kinofilm ist (25 Prozent).

Das hat eine Studie von Sanbittèr herausgefunden, die unter 480 Angestellten, Geschäftsführern und Barbesitzern sowie Marktexperten durchgeführt wurde. Zusätzlich wurden 1.200 Kommentare von Frauen und Männern zwischen 18 und 55 Jahren auf den wichtigsten Social-Media-Plattformen (Facebook und Twitter) und Nachrichten, Kommentare und Postings in einschlägigen Blogs untersucht.

Bis heute ist die Bar der Ort in Italien, wo die Meinungen entstehen. Überraschenderweise ist Politik wichtiger als Fußball; unter den meist besprochenen Personen hat der Vorgesetzte die Nase vorn vor Hollywood-Diven oder Fernsehschauspielern. Die Bar bleibt der meist besuchte Ort an 365 Tagen im Jahr. 15 Prozent suchen 2 bis 3 Mal in der Woche eine Bar auf, 31 Prozent gehen wenigstens einmal am Tag dorthin, und Hardcore-Besucher (43 Prozent) schauen bis zu 3 bis 4 Mal täglich in einer Bar vorbei.

Aber warum gehen die Menschen in eine Bar? Der Großteil der Besucher bevorzugt die Bar als einen Ort, wo man einfach über alles schwätzen und seine eigene Meinung frei äußern kann (67 Prozent). Die Hälfte des Panels nutzt einen Barbesuch zur willkommenen Arbeitsunterbrechung (51 Prozent) oder um einfach mit Freunden zu quatschen (45 Prozent). Überraschenderweise geht lediglich ein Drittel der Barbesucher (33 Prozent) in die Bar, um dort nur zu essen oder etwas zu trinken. Wen das tatsächliche aktuelle Meinungsbild in Italien interessiert, der muss in die Bar gehen. Dort wird er sie finden, eher noch als im Fernsehen, Radio oder jedwedem anderen Medium, das sich auf die Nachrichtenverbreitung beschränkt. Das zumindest glauben 73 Prozent des Panels.

Über wen wird in der Bar gesprochen? Wie es sich für Italien gehört, sind die Politiker diejenigen, die den meisten Gesprächsstoff bieten. Erst dann folgen die Fußballspieler und deren Trainer; und in der Bar werden sie alle zu Trainern (27 Prozent), bilden immer die Gewinnermannschaften (31 Prozent) oder entscheiden, wer in der Nationalmannschaft ersetzt werden muss (23 Prozent). Nach Politik und Fußball aber geht es dann um den eigenen Vorgesetzten.

Der Aperitivo ist in italienischen Bars der Moment, Italien zu verbessern oder sterben zu lassen, der Moment, in dem sich Gerüchte in handfeste Meinungen wandeln. Für 71 Prozent der Experten sind dabei die Meinungsbildner die „Aperitivologhi“, gefolgt von den „Tuttologhi“, „Vippologhi“ und den „Affarologhi“.

Deren Auftreten ist nach den Tageszeiten zu unterscheiden. Zu den wichtigsten Tageszeiten einer Bar gehört natürlich das Frühstück (47 Prozent). Dann treten die „Dietrologhi“ (24 Prozent) auf. Das sind die, die immer über alles im Viertel Bescheid wissen. Daneben gibt es die „Tuttologhi“, die sämtliche Zeitungen lesen und alle Themen im Griff haben (35 Prozent). Ein anderer wichtiger Typus sind die „Scommettologhi“, die ihr Glück in Wetten auf die verschiedensten Sportereignisse suchen (13 Prozent). Neben dem Frühstück genießt die Mittagspause während der Arbeit Kultstatus (53 Prozent). Dann betreten die „Affarologhi“ die Bar. Sie beschäftigen sich ausschließlich mit ihrer Arbeit und ihren persönlichen Angelegenheiten (19 Prozent). Ergänzt werden sie von den „Vippologhi“. Das sind die Spezialisten für die V.I.P.‘s oder solche, die sich dafür halten. Sie sind gut informiert und sprechen über die Wechselfälle ihrer Lieblinge, deren letzte Amouren und Auftritte in der Öffentlichkeit (27 Prozent).

Obwohl die Bar während des ganzen Tages aufgesucht wird, ist der Höhepunkt des Tages doch der Aperitivo. Dann sind die meisten Menschen in der Bar anzutreffen (41 Prozent). Dann haben sie endlich Zeit und Lust, sich mit anderen auseinanderzusetzen (35 Prozent), dann ist die Atmosphäre die richtige zu quatschen (27 Prozent), und dann wird es einfach, Ideen und Meinungen auszutauschen (21 Prozent). Beim Aperitivo dürfen auch die „intellektuellen“ Themen wie die neuesten Nachrichten oder die Tagespolitik (47 Prozent), aber auch die Modetrends (33 Prozent) nicht fehlen.

Alberto Lupini in Italia a Tavola, 8. November 2010,
adaptiert und leicht gekürzt von Michael S. Zerban

Alberto Lupini betreibt mit Italia a Tavola eine der wichtigsten, täglich aktualisierten Websites mit Nachrichten aus der Enogastronomie und allem, was dazu gehört. Italienischer Originalbeitrag